Die Herausforderung für Bali

Veröffentlicht am 30.06.2007 von Jörg Haas

Nun, da der mediale Rauch über Heiligendamm verflogen ist, richten sich alle Blicke auf Bali: Dort wird am 3.-14. Dezember die nächste Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen stattfinden, COP13/MOP3 im Fachjargon. Dort soll ein Mandat für Verhandlungen über ein Post-Kyoto/Kyoto 2-Abkommen erteilt werden. Das heißt, die Verhandlungsthemen und -stränge werden festgelegt. 2009 muss dieser Verhandlungsprozess, so sieht es auch der Beschluss von Heiligendamm vor, zu einem Ergebnis führen.

Vor sich hat man einen Verhandlungsprozess, der – wenn er nicht sehr klug strukturiert wird – nach bisheriger Erfahrung nahezu zwingend zu einem Ergebnis wie in Kyoto führen muss: Die EU geht mit ambitionierten Zielen in die Runde, und lässt sich (nolens oder doch eher volens) dann auf sehr viel schwächere Verpflichtungen ein. Die nachfolgend dann noch weiter verwässert werden. Verhandlungen als race to the bottom, anstelle eines race to the top.

Und eine Vielzahl von Verhandlungsarenen und Verhandlungsgegenständen, die evtl. über den globalen Emissionshandel miteinander verknüpft werden, die aber auch den Prozess vollends unübersichtlich machen. Der Öffentlichkeit, selbst einer Fachöffentlichkeit, wird es fast unmöglich, Einzelergebnisse im Gesamtkontext zu beurteilen.

Zu den Verhandlungsgegenständen zählen (nicht erschöpfend aufgezählt):
- die Verpflichtungen der Industriestaaten, und wer zukünftig zu diesen zu zählen sein wird (Südkorea, Singapur, Mexico?)
- mögliche quantifizierbare Beiträge von den großen Schwellenländern (China, Indien, Brasilien, Südafrika, Mexico) oder anderen großen Emittenten (mit oder ohne Verknüpfung zum globalen Emissionshandel, z.B. über Sektoren)
- Luft- und Schiffsverkehr
- Entwaldung
- Technologieförderung und Technologietransfer.

Hinzu kommt das große Thema “Anpassung an den Klimawandel”, und wer sie finanziert.

All diese Themen können nicht sinnvoll bearbeitet werden, wenn man nicht drei Fragen trennt: (1) Wieviel: Die Frage der Gesamthöhe der zu erbringenden Reduktionen, von (2) der Frage wo (sektoral und geographisch) diese Reduktionen zu erfolgen haben, von (3) der Frage wer dafür zahlt (über den Emissionshandel oder andere Mechanismen).

M.E. ist zwingend erforderlich, die Frage (1) wie viel insgesamt reduziert werden muss zuerst zu klären und auch zu verhandeln, bevor man sich dann über (2) und (3) in die Haare kriegt. Andernfalls führen die Verteilungskonflikte darüber wo und was reduziert werden soll und wer dafür zahlt zu einem schlechten Kompromiss zu Lasten des Klimas: bei der Höhe der gesamten Emissionsreduktionen.

Das jedoch können wir uns diesmal nicht mehr leisten. Gelingt es 2009 nicht, ein wirksames Klimaregime zu vereinbaren, ist das Ziel nicht mehr erreichbar, die globale Erwärmung unter 2 Grad über vorindustriellem Niveau zu halten. Mit wohl katastrophalen Konsequenzen für viele – auch uns.

Lesetipps: Hans-Jochen Luhmann: Der vierte Anlauf – wieder zum Scheitern verurteilt? Die Mühen um eine Post-2012-Regime. März 2007

Luhmann, H.-J. & Sterk, W.: Klimaschutzziel für Deutschland. Kurzstudie für Greenpeace. Februar 2007

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Unternehmer, nicht Lobbyisten braucht das Land!

Veröffentlicht am 29.06.2007 von Jörg Haas

Vor dem Energiegipfel geht es hoch her: “Wirtschaftsstalinisten” teilt Gabriel an die Adresse der Energiewirtschaft aus, “Ökobolschewist” schallt es von Michael Fuchs, Chef der Mittelstandspolitiker von CDU und CSU, zurück.

Die Energiekonzerne zeigen sich dabei wieder einmal von ihrer schlechtesten Seite: Als Lobbyisten und Besitzstandswahrer treten Sie auf, nicht als Unternehmer. Der Atomkonsens, der 1998-2000 in mühsamen Runden den langsamen Ausstieg aus der Atomenergie besiegelte und der von den Chefs der mächtigsten deutschen Energiekonzerne unterzeichnet worden war, soll nun plötzlich nicht mehr das Papier wert sein, auf dem er damals ausgedruckt wurde.

Ehrenmänner und wie sie das Wörtchen ‘dauerhaft’ interpretieren” überschrieb Gerd Rosenkranz (DUH) seine Kolumne zum Wortbruch der Energiekonzerne schon vor einem Jahr. Auch heute noch lesenswert.

Statt die vor uns stehende Umgestaltung unseres Energiesystems als Herausforderung für die Innovationsfähigkeit unseres Wirtschaftssystems und seiner Akteure zu verstehen, wird gemauert und lobbyiert was das Zeug hält. Während die Wirtschaft immer wieder klare und verläßliche Rahmenbedingungen für den Klimaschutz fordert, blockieren Besitzstandswahrer genau diese klaren und verläßlichen Rahmenbedingungen, wenn es ernst wird. Denn wieviel mehr Klarheit braucht es denn noch, als dass die Politik einerseits ambitionierte Zielsetzungen vorgibt (minus 40% Treibhausgasemissionen bis 2020) und gleichzeitig am Atomausstieg festhält. Da öffnet sich doch ein Scheunentor für Investoren und Innovatoren. Schumpeter, übernehmen Sie – Zeit für schöpferische Zerstörung.

Vielleicht sollte Bundeskanzlerin Merkel eher Ursula und Michael Sladek zum Energiegipfel einladen. Die beiden Stromrebellen aus dem Südschwarzwald haben für die Gründung der Elektrizitätswerke Schönau jüngst den Deutschen Gründerpreis 2007 erhalten. Vor zehn Jahren haben sie das Stromnetz der Gemeinde Schönau übernommen, um nach Tschernobyl den Atomausstieg selbst umzusetzen. Seitdem sind die EWS Schönau zu einem bundesweiten Ökostromanbieter geworden.

Schreibt’s an jede Wand: UnternehmerInnen, nicht Lobbyisten braucht das Land!

Zum Weiterlesen:

Mythos Atomkraft: Über die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken. Von Felix Chr. Matthes
Und ein schöner Artikel von Wolfram König, Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz auf fr-online

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Update: Es wird noch wärmer…

Veröffentlicht am 28.06.2007 von Jörg Haas

Ich musste meinen Beitrag vom 25.6., den ich aufgrund mündlicher (unpräziser) Angaben geschrieben hatte, überarbeiten: Statt 1,5 Grad ist es 3 Grad wärmer als der langjährige Durchschnitt, und nicht nur am PIK in Potsdam sondern bundesweit.

Hier der aktualisierte Blogbeitrag.

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Klimachaos in Europa

Veröffentlicht am 27.06.2007 von Jörg Haas

Stern.de berichtet: “Stürme und Regen im Norden, Hitzerekorde von über 45 Grad im Süden: das Wetter in Europa spielt verrückt.” Im Südosten Europas sind schon mindestens 46 Menschen an der Hitzewelle gestorben, meldet AFP.

Das erinnert mich an die europäische Hitzewelle in 2003. Nach neuen, präzisen Auswertungen der Sterblichkeitsstatistiken hat diese (Natur?)Katastrophe rund 70.000 Menschenleben gefordert (hier die Presseerklärung des Forschungsinstituts INSERM). Und scheinbar kümmert’s keinen. Vielleicht weil es “nur” alte Menschen und Frauen waren?

Wie unser Planet damals aus dem All aussah, zeigt ein Satellitenbild der NASA:

NASA Satellitenbild

Ist diese Katastrophe auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen?

Eine in der renommierten Wissenschaftszeitschrift nature veröffentliche Studie meint: mit über 90% Wahrscheinlichkeit hat der Einfluss des Menschen das Eintrittsrisiko einer solchen Hitzewelle mindestens verdoppelt. Klingt kompliziert. Ist aber ganz einfach. Wir können so gut wie sicher sein, dass menschlicher Einfluss bereits heute die Häufigkeit solcher Ereignisse massiv erhöht hat.

Wie auf dem Hamburger Bildungsserver eindrucksvoll nachzulesen, wird die Wahrscheinlichkeit derartiger Hitzewellen in Zukunft drastisch zunehmen. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wird ein Hitzesommer wie 2003 bereits “normal” sein, bis zum Ende wird er schon eher kühl zu nennen sein. Wenn wir nicht ganz rasch gegensteuern.

bweichung der Sommertemperaturen (Juni-August) in Mittel- und Südeuropa 1900-2100 vom Mittel der Jahre 1961-1990

Die Hitzetoten sind vorwiegend Alte. Wo sind eigentlich die Altenverbände, die Caritas, die Diakonie, in der Klimadebatte? Ich will am globalen Aktionstag am 8.12. ganze Altenheime auf der Straße sehen.

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Wo Klimachaos gemacht wird

Veröffentlicht am 26.06.2007 von Jörg Haas

Moderne Technologie ist was schönes. Heute bin ich auf den Webseiten des WWF auf eine wunderbare interaktive Karte der 30 klimaschädlichsten Kohlekraftwerke Deutschlands gestoßen. Da können Sie herausfinden, wo in Ihrer Nachbarschaft die nächsten Klimakiller sind. Welche Konzerne sie betreiben. Und sie in einer Tabelle sortieren: Nach Gesamt-CO2-Ausstoß, nach CO2 je Kilowattstunde. Und wieviel man sparen würde, wenn man sie auch nur durch moderne Gaskraftwerke ersetzen würde (ganz zu schweigen von Energieffizienz oder erneuerbaren Energien).

BUND-KarteUnd damit ja nicht genug: Es sollen noch viel mehr werden. Beim BUND finden Sie eine Karte der 27 neu geplanten Kohlekraftwerke in Deutschland. Die blasen das CO2 zwar etwas effizienter in die Luft. Aber immer noch viel zu viel.

Der BUND bietet noch einen weiteren Service: In einer Liste der 27 neu geplanten Kohlekraftwerke finden sich zu jedem Projekt noch genauere Daten: wie groß es werden soll, wer es initiiert, und vor allem: Wen man vor Ort kontaktieren kann, wenn man etwas gegen die Klimakiller-Kraftwerke unternehmen will. Spannend. Einfach mal reinschauen und rausfinden wo bei Ihnen in der Nähe das Klimachaos gemacht wird.

Dass neue Kohlekraftwerke kein Schicksal sind, zeigen die Münchner: soeben hat dort Rot-Grün beschlossen, dass die Stadtwerke München sich nicht an neuen Kohlekraftwerken beteiligen werden. Nicht zuletzt auch auf Druck von Seiten der Bürger. Schafft zwei, drei, viele Münchens!

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Es wird warm hier

Veröffentlicht am 25.06.2007 von Jörg Haas

Die letzten zwei Tage durfte ich an einer wunderbaren Tagung am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung teilnehmen. Dort auf dem Potsdamer Telegraphenberg steht eine meteorologische Meßstation, die seit 1893 stündlich die Temperatur und viele andere Messwerte aufzeichnet. Diese Säkularstation ist weltweit die einzige meteorologische Station, die über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren ein sehr umfassendes Messprogramm ohne Lücken aufweisen kann.

Unter all diesen Temperaturdaten seit 1893 sind die vergangenen 12 Monate die wärmste Serie von 12 zusammenhängenden Monaten. Anders ausgedrückt: Seit einem Jahr ist es deutlich wärmer als je zuvor 12 zusammenhängende Monate seit 1893. Es ist drei Grad wärmer als der langjährige Durchschnitt. Das ist sehr viel, ein regelrechter Temperatursprung. Und das ist nicht nur an dieser Station so, sondern in ganz Deutschland. Unheimlich.

Mitteltemperaturen über 12-Monatszeiträume für Deutschland

Die obenstehende Kurve zeigt die Mitteltemperaturen über 12-Monatszeiträume für Deutschland, also jeweils über 12 Monate gemittelt (Jan-Dez, Feb-Jan, Mär-Feb etc.). Quelle: Pressemeldung des PIK und Quelle der Abbildung

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Fliegt!

Veröffentlicht am 23.06.2007 von Jörg Haas

Saving the planet, one A380 at a time“. Riesenjet für Riesenjet retten wir die Erde. So Airbus Sales Chief John Leahy in Le Bourget. Meldet Planet Ark. Damit gewinnt Airbus meinen Greenwash-Preis dieser Woche.

Dicht auf Airbus’ Fersen folgt Lufthansa, die mit ihrer ganzseitigen Anzeigenkampagne auch den Eindruck der verfolgten Unschuld macht. Und damit präventiv verhindern will, dass zukünftig einmal für die Luftfahrtbranche gelten sollte, was für die Bahn und für jeden kleinen Autofahrer doch schon lange gilt: Sprit wird versteuert. Und auf Tickets wird Mehrwertsteuer erhoben. Soviel zum Thema Klimagerechtigkeit.

Na, und bei solchen Steuerprivilegien kann man sich schon mal ein paar ganzseitige Anzeigen leisten. Sind sicherlich gut investiert.

Fliegt, Leute, fliegt! Airbus für Airbus retten wir den Planeten…

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